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Volkskrankheit: Burn-Out

12. November 2011 Kommentare

In der heutigen Zeit tritt immer mehr eine neue Volkskrankheit (wenn sie auch nicht als „Krankheit“ kategorisiert ist) in Erscheinung: Burn-Out. Mehr und mehr Menschen fühlen sich innerlich vollkommen ausgebrannt, leer und erschöpft. Ich kenne jetzt schon mindestens zwei Leute im Freundeskreis, die davon betroffen sind und die sich hier Hilfe gesucht haben, um diese „Krankheit“ zu besiegen. Weiterhin kenne ich auch jede Menge Leute, bei denen die Anzeichen klar zeigen, das sie nicht mehr weit weg sind vom Burn-Out.

Vielleicht liest ja der eine oder anderen von ihnen diesen Artikel hier und generell sollte sich vielleicht jeder mal fragen, welche Anzeichen er bei sich erkennt und ob es nicht vielleicht an der Zeit ist die Notbremse zu ziehen und sich ggf. kompetente Hilfe zu nehmen.

Ich bin sicherlich kein Experte was das Thema Burn-Out betrifft oder besser noch, was das Thema Vermeidung von Burn-Out betrifft, aber ich habe mich mal ein wenig im Netz hierzu umgeschaut.

Ich zitiere mal vorab Wikipedia:

Ein Burnout-Syndrom bzw. Ausgebranntsein ist ein Zustand ausgesprochener emotionaler Erschöpfung mit reduzierter Leistungsfähigkeit. Es kann als Endzustand einer Entwicklungslinie bezeichnet werden, die mit idealistischer Begeisterung beginnt und über frustrierende Erlebnisse zu Desillusionierung und Apathie, psychosomatischen Erkrankungen und Depression oder Aggressivität und einer erhöhten Suchtgefährdung führt.

Nach der „Internationalen Klassifikation der Erkrankungen“ (ICD) ist Burn-Out keine Krankheit, sondern ein Problem der Lebensbewältigung. Es handelt sich um eine körperliche, emotionale und geistige Erschöpfung aufgrund beruflicher Überlastung und wird meist durch Stress ausgelöst, der nicht bewältigt werden kann.

Da habe ich auch schon das erste Problem mit, denn wieso genau heißt es hier, dass das ein Problem der Lebensbewältigung ist und keine Krankheit? Wo genau soll denn hier der Unterschied zu Süchten liegen? Süchte, oder wie man richtiger weise sagt das Abhängigkeitssyndrom, wird durch die ICD-10 als Krankheit anerkannt, aber ist das streng genommen nicht auch ein Problem mit der Lebensbewältigung? Meiner Meinung nach handelt es sich bei beiden Syndromen um eine Krankheit.

Eine weitere Beschreibung, der ich nicht zustimmen kann, ist die dass das Burnout-Syndrom in der Management-Wissenschaft als Führungsproblem gilt. Angeblich können Anreize wie Einkommen, Status und Macht kurzfristig das Selbstwertgefühl steigern, sollen aber dazu verleiten zu einer beruflichen Entwicklung und zur Übernahme von Aufgaben zu kommen, für die man nicht geeignet ist und aus denen man keine innere Befriedigung schöpfen kann. Das würde ja bedeuten, dass es nur oder hauptsächlich Führungspersonen treffen würde, aber ich sehe hier eher einen gegenläufigen Trend. Das wird vermutlich auch klar, wenn man sich mal das Konzept des Ungleichgewichts zwischen Anforderungen und Ressourcen, kurz ERI (effort-reward imbalance model) von Johannes Siegrist ansieht. Beispiele für Skalen und Items nach der englischen Version des ERI sind:

  • „Effort“
    • „Ich habe permanenten Zeitdruck.“
    • „Ich trage viel Verantwortung.“
    • „Ich werde bei der Arbeit häufig gestört.“
    • „In den letzten Jahren wurde meine Aufgabe immer anspruchsvoller.“
  • „Reward“
    • „Ich werde von meinen Vorgesetzten nicht mit dem nötigen Respekt behandelt.“
    • „Bei Schwierigkeiten bekomme ich keine adäquate Unterstützung.“
    • „Ich werde oft unfair behandelt.“
    • „Meine berufliche Zukunft ist unsicher.“
Erklärung des Burnout-Syndroms

Erklärung des Burnout-Syndroms

Das Ungleichgewicht zwischen Effort und Reward ist laut ERI häufig begleitet durch ein übermäßiges Verpflichten (Commitment (over-commitment)), bei dem die Betroffenen sich regelrecht aufopfern.

Betrachtet man mal die rot hervorgehobenen Punkte, dann kann man das vermutlich für die meisten Bereiche bejahen und ich denke, dass diese Punkte durchaus vermehrt in der unteren Arbeitsebene existieren werden. Leider wird heutzutage der Mitarbeiter nicht mehr als wichtigstes Kapital eines Unternehmens angesehen, sondern nur noch als ein Kostenpunkt, den man durch Outsourcing verringern kann. Das hier oftmals die Qualität drunter leidet und das Unternehmen durch diese vermeintliche Einsparung einen Verlust einfährt, ist sicherlich nicht weiter erstaunlich, aber das ist ein anderes Thema. Es erklärt aber, warum die Mitarbeiter heute oftmals bis zum Umfallen arbeiten, um nicht ihren Arbeitsplatz zu verlieren.

Weitere mögliche Ursachen für ein Burn-Out können persönliche Ursachen sein (auch wieder Wikipedia entliehen).

Der Belastung des Menschen durch seine Umwelt steht seine persönliche Widerstandsfähigkeit (Resilienz) gegenüber. Die persönliche Belastbarkeit vermindert sich durch folgende Aspekte und begünstigen so einen möglichen Burn-Out:

  • Neurotizismus: Eigenschaften wie Ängstlichkeit, mangelnde Selbstachtung, Neigung zu Irritationen, Sorgen und Depressionen, Neigung zu Zwanghaftigkeit, Schuldanfälligkeit und ein labiles Selbstwertgefühl sind auffällig.
  • Perfektionsstreben: Ausbrenner setzen sich oft zu hohe Ziele und haben Probleme, Kompromisse einzugehen. Das wirkt sich nachhaltig auf ihre Handlungsplanung und -bewertung aus.
  • Helfersyndrom: Es wird versucht, Versagenserlebnisse und versagte Zuwendung in der Kindheit nun durch die eigene soziale Tätigkeit zu kompensieren. Der Helfer gibt die Zuwendung, die er empfangen möchte. Personen mit dem Helfersyndrom versuchen, ihr labiles Selbstwertgefühl durch die Aufopferung an eine große Aufgabe und die damit verbundene Dankbarkeit vieler Hilfsempfänger zu stabilisieren.
  • krankhafter Ehrgeiz: Menschen, deren Selbstwertgefühl größtenteils auf ihren beruflichen Leistungen beruht, zeigen eine häufig krankhafte Sucht nach Erfolg. Diese wird meist durch die elterliche Erziehung geprägt, nämlich genau dann, wenn die Zuneigung und Liebe direkt von den vorgezeigten Erfolgen der Kinder abhängt.
  • besondere persönliche Defizite: Eine schlechte Ausbildung, die Misserfolge provoziert und die Unfähigkeit, anderen Grenzen zu setzen, können den Burn-Out begünstigen.

Ich würde hierbei ja sogar sagen, dass die persönliche Umwelt nicht nur im beruflichen Umfeld zu suchen ist, denn schwerwiegend sind meiner Meinung nach auch die rein privaten Bereiche. Der Punkt „Neurotizismus“ hat allerdings meiner Meinung nach einen sehr starken Einfluss auf den Burn-Out im Berufsumfeld.

Ich könnte hier jetzt noch unglaublich viel mehr schreiben, aber das würde im Grunde zu weit führen. Sehr empfehlen kann ich den Wikipedia-Artikel, den hier werden die unterschiedlichen Theorien erläutert.

Schlussworte:

Ich meine letztens in einem Conf-Call auf der Arbeit auch das Schlagwort Burn-Out gehört zu haben oder aber ich habe es in einem internen Newsletter gelesen … wie auch immer, der Betriebsrat teilte mit, das es mehr und mehr Burn-Out-Fälle bei uns im Unternehmen gibt. Finden die das wirklich erstaunlich? Das Unternehmen fährt momentan einen restriktiven Sparkurs und mehr und mehr Stellen werden abgebaut oder outgesourced. Wen wundert es da, dass die verbleibenden Mitarbeiten eine extreme Angst um ihren Job haben? Egal … das ist mal wieder ein anderes Thema.

Weiterhin fehlt mir bei der Betrachtung des Burn-Out-Syndroms ein wesentlicher Punkt… oder sagen wir besser, ein wichtiger Punkt wird mir nicht intensiv genug betrachtet. Die Freizeit oder das Privatleben. Es ist unbezweifelbar, dass das Berufsleben heutzutage extrem anstrengend, fordern und zermürbend ist, aber meiner Meinung nach ist mit eines der größten Probleme, wenn man in seinem Privatleben dann auch keinen passenden Ausgleich bekommt. Wenn mach einem anstrengenden Arbeitstag abgespannt nach Hause kommt und man muss direkt weiter auf 100 % laufen und wirbeln und wirbeln und wirbeln, dann ist es nicht erstaunlich, wenn man irgendwann umfällt weil der Körper und der Geist einfach sagt: Schicht jetzt!

  1. 12. November 2011, 23:10 | #1

    Ich ziehe meinen Hut, dass ist wirklich klasse geschrieben. Ich kenne die Problematik Burn-Out auch gut, habe ich erst im letzten Jahr eine Präsentation diesbezüglich in meinem gesamten Team gehalten und überhaupt erstmal darauf hingewiesen ( gerade meine englischen Kollegen und mein ChefChef waren da mehr als nur unbedarft ), dass es dieses Thema einfach gibt und das es weitaus mehr Menschen gibt, die unter dieser Krankheit ( ja für mich ist es eine Krankheit ) leiden, als allgemein angenommen wird. Ich will hier jetzt gar nicht ins Detail gehen, aber aus meiner leider persönlichen Erfahrung kann ich nur sagen, dass es ungemein helfen kann, wenn man den Mut findet, sich jemandem zu öffnen und einen dieser Jemand an die Hand nimmt und in die richtige Richtung führt.
    Damit dieser Mut aber erstmal entstehen kann, muß m.M.n. das Thema viel offener und effektiver angegangen werden und das auch von Konzernseiten.

  2. 12. November 2011, 23:23 | #2

    @Suriel
    Ich wäre sehr an der Präsentation interessiert! Ich sehe leider auch, dass das gerade im international Umfeld (also auf der Insel) irgendwie nicht so wirklich ein Thema zu sein scheint. Finde ich irgendwie sehr bedenklich. Leider fehlt mir momentan auch eine Idee, wie man denn Leuten helfen kann, bei denen man klar sieht, das sie hochgradig gefährdet sind und direkt auf den Burn-Out zusteuern. Weiterhin finde ich es schwierig hier die richtigen Ansprechpartner zu finden, denn meiner Meinung nach ist das auch ein Managementproblem. Ein guter Manager hat doch auch eine Fürsorgepflicht und sollte sich eigentlich um seine Mitarbeiter kümmern und sie nicht weiter unter Druck setzen oder sagen „kein Problem … die in Ostrava haben da kein Problem mit und die machen das gerne„. Ich sehe hier momentan einen dicken fetten Wurm, der da irgendwie im System ist und vielleicht ist das Thema Burn-Out einfach noch nicht präsent genug in der Company.

  3. 12. November 2011, 23:30 | #3

    @Andre
    Die Präsentation geb ich Dir gerne nächste Woche, ich habe da glaube ich auch noch sehr sehr viele Unterlagen zu, denn ich habe mit dem BR zusammen ja einen Workshop eben genau zu diesem Thema gemacht, dass kannst Du auch gerne haben um da mal rein zu schauen.
    Ich stimme Dir da vollkommen zu, was das Managmentproblem betrifft und glaube einfach, dass hier nur konsequente Aufklärung helfen kann, eben weil Burn-Out noch immer „belächelt“ und nicht ernst genommen wird.

  4. 12. November 2011, 23:42 | #4

    @Suriel
    Schon mal vielen herzlichen Dank! Und ja … konsequente Aufklärung hilft sicherlich … aber wie verklickert man das den Leuten auf der Insel?

  5. 13. November 2011, 00:00 | #5

    @Andre
    Also ich habs mit durch penetrantes darauf hinweisen geschafft ;-) … liegt aber wohl auch daran, dass mein Chef zwar Engländer ist, aber in Deutschland lebt und da wesentlich sensibler ist, als manch anderer von der Insel.

  6. 13. November 2011, 00:16 | #6

    @Suriel
    hmmm… ich werde mich da wohl mal ein wenig mehr drin einlesen … und vielleicht finde ich ja auch einen Weg den ich gehen kann, um das mal präsenter in den Köpfen zu machen.

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